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Pluto und die Schwerelosigkeit

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Verlässliche Absenderschaft auch im digitalen Journalismus // Beitrag von Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Axel Springer SE | erschienen im Kompendium 'VDZ 2015'

An einem Frühjahrsmorgen im Jahre 1976 versprach der berühmte Astronom und BBC-Radiomoderator Patrick Moore den erstaunten Zuhörern, dass sie heute den Traum der Schwerelosigkeit erleben könnten. Wenn der Pluto um 9:47 Uhr bei seiner Sonnenumkreisung hinter dem Jupiter verschwinde, würde sich die Anziehungskraft beider Planeten vereinen und für einige Momente die irdische Schwerkraft neutralisieren. Wer in just diesem Zeitpunkt in die Luft springe, werde den Jupiter-Pluto-Effekt erleben. Es war der 1. April. Es war ein Aprilscherz. Und er gelang prächtig, wie mehrere Hundert Anrufe bei der BBC dokumentierten.

Mitte Dezember 2014: Daily Buzz Live verkündet für den 4. Januar 2015 den Eintritt des Jupiter-Pluto-Effekts und beruft sich auf einen gewissen Astronomen Patrick Moore. Moore ist zwar längst tot. Er hat seinen Aprilscherz vor fast 40 Jahren gemacht. Und der Traum von irdischer Schwerelosigkeit ist so realitätsfern wie eh und je. Die Story verbreitet sich dennoch rasend über Social Media-Kanäle. Allein mehr als eine Million Facebook-Nutzer teilen sie und – man darf davon ausgehen – viele schenken ihr Glauben.

Machtfaktor Social Media
Und Social Media-Plattformen können noch viel mehr. Im letzten Jahr wurde bekannt: Schon Anfang 2012 zeigte Facebook 310.000 Nutzern in deren Unkenntnis eine Woche lang einen manipulierten Newsfeed. Einige der Nutzer bekamen überwiegend positive, die anderen überwiegend negative Einträge ihrer Facebook-Freunde zu sehen. Es hagelte Kritik am Psychologie-Experiment. Wieso können Nutzer als Versuchskaninchen missmissbraucht werden? Warum wird am vermeintlich neutralen Algorithmus so vorsätzlich gedreht? Immer drängender stellt sich aber die Frage: Welche Meinungsmacht haben Plattformen wie Facebook? Ist es denkbar, dass sie ihre Macht auch zur Beeinflussung von Wahlergebnissen nutzen könnten?

Der Traum der Schwerelosigkeit und das Facebook-Experiment zeigen: In Zeiten, in denen fast ein Drittel der US-Amerikaner die täglichen Nachrichten über Facebook bezieht, kommt es mehr denn je auf kritische, vielfältige Presse an. Und die hat es bisweilen nicht leicht. Nach neuen Zahlen von Freedom House leben gerade mal 14 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit freier Presse. Und selbst in diesen Ländern ist die Pressefreiheit nicht garantiert.

Pressefreiheit und -vielfalt
Wir sehen Gewalt oder Drohungen gegen Journalisten oder Verlage, wie die grausamen terroristischen Anschläge in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo und auf das Kulturzentrum Krudttønden in Kopenhagen. In der Dortmunder Innenstadt wird Mitte März ein Journalist vermutlich von Rechtsextremisten mit Steinen beworfen und am Kopf getroffen. In vielen Ländern werden Regimekritiker weggesperrt, gefoltert oder sogar umgebracht. Im vergangenen Jahr zählte Reporter ohne Grenzen weltweit 119 Entführungen von Journalisten, rund ein Drittel mehr als im Vorjahr. 66 wurden getötet. Seit dem Fall von Edward Snowden hat auch der Quellenschutz wieder an Bedeutung gewonnen – in Deutschland werden Rufe nach einem neuen Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung lauter. Und nicht zuletzt bedrohen Internetmonopole, insbesondere Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen, die Pressefreiheit. Denn Pressefreiheit heißt auch Pressevielfalt. Solange Presseverlage ihren Traffic zum Großteil über eine Suchmaschine erhalten, die in Deutschland mehr als 95 Prozent Marktanteil hat, kann man von Vielfalt kaum mehr reden.

Garant für Stabilität
Aber Pressefreiheit ist nicht nur Grundvoraussetzung unserer Demokratie, sie ist auch Voraussetzung für wirtschaftliche Leistung. Dieser Aspekt kommt oft zu kurz. Schon vor über zehn Jahren hat der damalige Weltbank-Präsident James Wolfensohn gemahnt, es gebe keinen Zweifel an der Bedeutung der Medien im Kampf gegen Korruption und Armut. Und wer die aktuelle Rangliste von Reporter ohne Grenzen mit dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International in Verbindung setzt, der erkennt: Ob Nordkorea, Sudan, Somalia oder Turkmenistan – ein abgeschlagener Rang in den untersten zehn Prozent der pressefeindlichsten Länder geht einher mit einem gleichermaßen desaströsen Ergebnis bei der Verbreitung von Korruption. Märkte funktionieren nicht, wo staatliche Institutionen und Wirtschaftsunternehmen ohne die Kontrolle der Presse Geschäfte machen. Eine Studie des Weltbank-Instituts aus dem letzten Jahr zeigt am Beispiel von Afrika südlich der Sahara, dass höhere Pressefreiheit das Risiko politischer Instabilität deutlich verringert. Dass dies unternehmerische Investitionen unmittelbar beeinflusst, liegt auf der Hand.

Gegen Aprilscherze ist natürlich nichts einzuwenden. Aber dennoch: Wir alle sollten dafür einstehen, dass freie Presse – egal ob auf Papier oder auf elektronischem Papier – als Lebenselixier für Demokratie und wirtschaftlichen Wohlstand weiter ermöglicht wird. Dafür braucht es mutigen, vielfältigen und kritischen Journalismus, keinen Nonsense. Verantwortliche Absenderschaft ist nicht nur Schlüsselwort des digitalen Verlegertums – sie wird, gerade in der digitalen Welt, in der Inhalte immer mehr programmatisch verteilt werden, sein Wettbewerbsvorteil. //

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