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Greenpeace und die Verleger – eine Beziehung mit Geschichte

Nachhaltigkeit

Oliver Salge, Leiter der Wald- und Meereskampagne Greenpeace Deustchland im VDZ-Jahrbuch Interview: Rückblick, Ausblick und kritische Bestandsaufnahme

In Deutschland unterstüzten 550.000 Menschen Greenpeace als Fördermitglied, das sind mehr, als die großen deutschen Volksparteien Mitglieder haben. Seit fast 20 Jahren arbeitet der VDZ nun mit der größten außerparlamentarischen Umweltpartei zusammen. Oliver Salge, Leiter der Wald -und Meereskampagnen Deutschland, war seit den frühen 90ern mit dabei.

Lieber Herr Salge, gerade kommen Sie aus Brasilien zurück wo Sie sich mit allen Mitteln für den Schutz des Amazonas eingesetzt haben. Wie war es?

Anstrengend, schon wegen dem schwül-heißen Klima. Und es war aufregend mit unserem neuen Segelschiff Rainbow Warrior 3 den Amazonas runterzusegeln. Ich war der erste aus dem deutschen Greenpeace Büro, der an Bord ging, dass hatte schon etwas besonderes. Wenn man all die Rodungen im Wald sieht, aus der Luft mit unserem Flugzeug oder vom Boden aus, weiß man, dass noch viel zu tun ist. Rinderfarmer zerstören derzeit den Regenwald in Windeseile. Wir sind dabei diesen Industriesektor zu überzeugen, auf die Zerstörung des Regenwaldes zu verzichten.

Greenpeace und der VDZ hat ein ganz anderes Projekt zusammengeführt. Wie war das mit den Zeitschriftenverlegern und Greenpeace in den 90 Jahren?

Wir hatten uns mit dreckigen Flüssen in Deutschland beschäftigt. Rhein und Elbe waren so stark vergiftet, dass Fische blumenkohlartige Geschwüre hatten. Wir fuhren mit unserem Aktionsschiff Beluga den Rhein rauf und stoppten bei jenen Flussverschmutzern, die chlorhaltige Abwässer in den Fluss kippten.

„Als wir dem Spiegel dann 1991 eine riesige Rolle druckfähiges Papier vor die Tür stellten, dass ohne Chlorbleiche hergestellt wurde, war der Damm gebrochen – Chlorbleiche war in Deutschland Geschichte.“

So sind wir zur Papierindustrie gekommen, die wir aufforderten Papier ohne Chlorbleiche herzustellen. Zuerst hieß es das ginge nicht. Als wir dem Spiegel dann 1991 eine riesige Rolle druckfähiges Papier vor die Tür stellten, dass ohne Chlorbleiche hergestellt wurde, war der Damm gebrochen – Chlorbleiche war in Deutschland Geschichte. Als dies geschafft war hatten wir uns so lange mit der Herstellung von Papier beschäftigt, dass wir uns fragten, wo eigentlich der Rohstoff zur Herstellung herkam. So landeten wir in Kanada. Damals einer der größten Zellstofflieferanten für Deutschland.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen den Zeitschriftenverlegern,
Greenpeace und anderen NGOs in dieser Zeit entwickelt?

Als wir erstmals die Frage stellten, wo denn der Rohstoff für das Papier herkäme, und es eigentlich keiner richtig wusste, war das Verhältnis konfrontativ. Mitte der 90er Jahre protestierten meine Kollegen und ich knapp zwei Monate lang jeden Donnerstag vor dem neuen G+J Gebäude am Baumwall unter dem Motto „Donnerstag ist Kahlschlagtag“, denn dann kam der Stern heraus. Für den Stern wurde Zellstoff aus British Columbia verwendet, aus Kahlschlägen, die wir beenden wollten um den Wald zu retten. Dann wurde der VDZ und die Kollegen der großen Verlage aktiv und setzten sich für eine Lösung des Konfliktes ein, reisten nach Kanada und erzwangen eine Änderung der Kahlschlagwirtschaft. Von diesen Erfahrungen haben wir und andere NGOs, wie auch die Verlage gelernt. In anderen Konflikten über die Frage des Waldschutzes oder einer ökologisch verträglicheren Nutzung ging man danach schneller aufeinander zu und ging die Probleme auch zügiger an. Die Zeit um sich gegenseitig kennen zu lernen konnte man sparen. Heute, nach über 20 Jahren, in denen man bei vielen Waldkonflikten gemeinsam an deren Lösung gearbeitet hat, stehe ich persönlich mit einigen Verlagshäusern im regelmäßigen Kontakt. Das Verhältnis ist aus meiner Sicht offen und ehrlich.

Die Zusammenarbeit im Rahmen des Canadian Boreal Forest Agreements ist bisher einzigartig. Stellen wir uns die Größe der Flächen, die Vielzahl der betroffenen Gruppen und die Ausgangssituation vor und sehen dann wer alles gemeinsam am Tisch sitzt, ist das beachtlich. Was hat das Projekt so weit gebracht und wo sehen Sie es in 5 Jahren?

„In fünf Jahren möchte ich eigentlich zurück blicken und einen Großteil des Waldes gerettet sehen. Dann möchte ich wie heute in Finnland mit Freunden durch den Wald gehen und froh sein, ein geschütztes Stück Urwald unter meinen Füßen zu haben.“

Auch bei diesem Thema hakte es zuerst. Die involvierten kanadischen Holz- und Papierhersteller wollten über die Waldprobleme erst gar nicht reden. Jahrelange Öffentlichkeitskampagnen von uns und anderen NGOs brachten sie jedoch an den Verhandlungstisch, der Zuerst scheiterte. Erst erneute Proteste der NGOs als auch das Engagement vieler Holz- und Papierkäufer machte die jetzt laufenden Verhandlungen möglich. Die Erfahrungen aus British Columbia haben einigen Beteiligten sicher geholfen. Uns auf jeden Fall. In fünf Jahren möchte ich eigentlich zurück blicken und einen Großteil des Waldes gerettet sehen. Dann möchte ich wie heute in Finnland mit Freunden durch den Wald gehen und froh sein, ein geschütztes Stück Urwald unter meinen Füßen zu haben.

Was waren in den 90er Jahren die großen Umweltthemen, welche
sind es heute und welchen Herausforderungen werden wir uns im
21. Jahrhundert noch stellen müssen?

Die großen Themen der 90er Jahre sind leider auch die großen Themen von heute. In einigen Ländern oder Regionen sind Umweltprobleme gelöst, in anderen tauchen sie wieder auf. Nehmen wir das Beispiel der dreckigen Flüsse. Heute sind Rhein und Elbe sauber. Jetzt ist dafür der Jangtse oder der Gelbe Fluss in China dreckig, denn dort wird heute mit bei uns lange verbotenen Chemikalien weiter auch für unseren Konsum produziert.

„Jeder sollte wissen von wem sein Papier kommt und wo und wie es hergestellt wurde. Dies ist leider noch nicht für alle Verlage der Fall. Gerade die Produktion im Ausland macht sorgen.“

Weltweite Umweltthemen wie Klimawandel oder Urwaldzerstörung sind noch größtenteils ungelöst und füllen Tonnen von Konferenzpapieren. Jährlich. 20 Jahre nach dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 wird klar, dass wir nicht erneut 20 Jahre Zeit haben, um Maßnahmen gegen die Waldzerstörung oder den Klimawandel zu ergreifen. Regionale Lösungen scheinen der richtige Weg zu sein. Nach dem Motto: Global denken – lokal handeln.

Was fordern Sie daher von den Verlagen und was wünschen Sie
sich von Ihnen, jetzt und in Zukunft?

Vor zwanzig Jahren konnte man als Verlag sicher sein zu den progressiven in Sachen Umwelt zu gehören, wenn man den Druckbereich mit Farben und Lacken im Griff hatte und sich dem Thema Papierherstellung genährt hatte. Heute sollte dies zum normalen Geschäft gehören. Jeder sollte wissen von wem sein Papier kommt und wo und wie es hergestellt wurde. Dies ist leider noch nicht für alle Verlage der Fall. Gerade die Produktion im Ausland macht Sorgen. Hier greifen in Deutschland gesetzte Maßstäbe noch nicht. Dies muss sich ändern. Doppelstandards sind nicht gut.
Von den Verlagen wünsche ich mir offene Türen und transparente Informationen. Das spart Zeit und Aufwand, bei uns und den Verlagen. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Verlage als heute, die sagen können „Ich habe fertig“.