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„Facebook lehne ich komplett ab“

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Hartmut Semken, Ex-Chef der Berliner Piratenpartei, setzt bei Informationen auf Vielfalt. - Interview aus der PRINT&more 03/2012

 

 Sie arbeiten in einem IT-Unternehmen. Kommt man da zum Lesen?

Ja, beruflich lese ich Magazine wie iX, c't, Funkschau, und was in der Firma so ausliegt: Wirtschaftswoche, Handelsblatt und andere.

Sie beschäftigen sich seit den 80er Jahren mit Computern. Welche Lektüre hatten Sie damals?

Die „ELO“ war meine erste Zeitschrift, und ein paar Wochen später kaufte ich den „Spiegel“ am selben Kiosk. Ansonsten jahrelang „Spektrum der Wissenschaft/Scientific American“. Das ist Populärwissenschaft at its best.

Und Bücher? Für Onliner ja das klassische „Totholz“-Medium.

Ich war ein Bücherwurm und ging ich viel in die Stadtbibliothek, für Romane und IT-Literatur. Programmierung war damals unter Mathematik systematisiert. Manchmal wurde ich von den Bibliothekaren nur mit dem Worten begrüßt: „MA 525? Keine Neuzugänge“. Nie wieder hatte ich so viel Zeit zum Lesen.

Welche Unterschiede sehen Sie heute zwischen Print und Online?

Magazine sind ausführlicher, Web-News sind viel kürzer. Ich sehe schon die Gefahr einer Verflachung für Leute, die viel online lesen - wie ich selbst. Der Tablet-Stil bietet mir aber beides: das komplette Magazin und einen Web-Browser, Auswahl und Anpassung an den akuten Bedarf.

Wie ist es mit Fernsehen? Welche Nachrichtensendungen schauen Sie?

Die „Tagesschau“ ist nach wie vor für mich das Wichtigste. Mein Trick dabei ist timeshift mit 130 Prozent Abspielgeschwindigkeit. Spart Zeit, ich bekomme alles mit und kann zurückspulen, wenn etwas genauere Betrachtung erfordert.

Kommen Sie dazu, Radio zu hören?

Früher viel im Auto. Mit Info-Radio oder Deutschlandfunk hatte der Stau wenigstens eine interessante Seite.

Sind Sie im „Fratzenbuch“, wie es manche Piraten nennen?

Facebook lehne ich komplett ab. Das Gefühl vom „Ende des Privaten“ kenne ich aus dem Dorf, wo ich geboren wurde. Ich entscheide lieber selbst, was ich von mir preisgeben will.

Jetzt sagen Sie bloß, Sie twittern auch nicht.

Doch, aber etwas Abstinenz tut gut. Twitter wird sonst schnell zum Zeitfresser – und zur Kommunikations-Illusion. Das Problem ist: Man redet nicht wirklich miteinander. Die Beschränkung auf 140 Zeichen bringt Kürze, und manchmal richtig Würze. Aber eben auch Vereinfachung bis zur Unkenntlichkeit. Und damit Zwang zu einer Pseudo-Klarheit, die letztlich auf Schwarz-Weiß-Malerei hinausläuft.


Hartmut Semken (45) war bis Mai 2012 Berliner Landesvorsitzender der Piratenpartei, der er seit 2009 angehört. Er ist Entwicklungsingenieur eines IT-Unternehmens und ging Ende der 80er Jahre online. Sein Kürzel aus der Schülerzeitung trägt er noch heute als Spitznamen: hase.