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Segment: Faszination „True Crime“

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Wie Verlage ihre Leserschaft binden und Umfelder mit hohem Involvement schaff…en | erschienen in PRINT&more 3/2020

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Mord und Totschlag, die Abgründe der menschlichen Seele: Die überraschend größtenteils weibliche Fangemeinde von „True Crime“, Geschichten über wahre Verbrechen, scheint stetig zu wachsen. Ein Trend, mit dem Verlage ihre Leserinnen und Leser im wahrsten Sinne fesseln können. Doch nicht nur diese profitieren von dem steigenden Angebot von Magazinen und Podcasts.

Verbrechen faszinieren Menschen

Schon in der Bibel folgt der Verführung zum Sündenfall mit dem Mord von Kain an Abel gleich das erste Kapitalverbrechen. Krimis in Form von gebundenen „Pageturnern“, als TV-Tatort oder Netflix-Serie fesseln bis heute ein breites Publikum. Auch in Zeitungen und Zeitschriften sind Kriminalfälle und Gerichtsreportagen schon lange wesentlicher Bestandteil der Berichterstattung. Doch monothematische Zeitschriften zu wahren Kriminalfällen, die True-Crime-Magazine, sind in der deutschen Zeitschriftenlandschaft ein eher neues Phänomen. In der Literatur gilt Truman Capotes Roman „Kaltblütig“, laut Untertitel der „Wahrheitsgemäße Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen“, von 1965 als Begründer des True-Crime-Genres. In der deutschen Zeitschriftenlandschaft machte der „stern“ (Gruner + Jahr) 2015 mit „stern Crime“ den Anfang – und es folgten weitere: so z. B. 2017 „Das Kriminal Magazin“ (Verlag Livingston Media), 2018 „ZEIT Verbrechen“ (Zeitverlag), „die aktuelle Krimi“ (FUNKE MEDIENGRUPPE), „Real Crime“ (bpa Media), 2019 „Closer Crime“ (Bauer Media) und 2020 „Echte Verbrechen“ (FOCUS-Sonderheft, Hubert Burda Media) und jüngst „Akte NRW“ der FUNKE MEDIENGRUPPE (s. S. 6). „'Echte Verbrechen' thematisiert die großen existenziellen Fragen rund um Kriminalgeschichten: die Schicksale der Opfer, die Psyche der Täter und das 'Böse' im Menschen“, beschreibt Thomas Ammann, Redaktionsleiter des neuen FOCUS-Ablegers, die Faszination des Genres gegenüber Meedia.

Hohe Auflagen und Copypreise

„stern Crime“ verkaufte laut eigenen Angaben zum Start gleich 150.000 Exemplare und liegt mittlerweile bei rund 90.000 gedruckten Heften. Für „ZEIT Verbrechen“ liegt die Druckauflage Anfang 2020 laut Verlag ebenfalls bei 90.000 Exemplaren und „Echte Verbrechen“ ging mit 120.000 an den Start. Die gut recherchierten und gut erzählten Geschichten werden bei vielen Magazinen durch hochwertige Fotos und eine gute Heftausstattung ergänzt. So sind die Leserinnen und Leser bereit, auch höhere Copypreise von 6 Euro und mehr zu zahlen. Korrespondierend mit den Absendermarken bewegen sich „Closer Crime“ und „die aktuelle Krimi“ auf einem etwas niedrigeren Copypreisniveau, dafür drucken sie dann jedoch mehr als 160.000 Exemplare pro Ausgabe. Und bei einer Erscheinungsfrequenz von vier Mal im Jahr oder öfter werden viele der True-Crime-Magazine auch im Abonnement angeboten.

Hoher Frauenanteil in der True-Crime-Leserschaft

Zu den Lesern zählen überwiegend Frauen. Das zeigen sowohl die verlagseigenen Befragungen als auch die Leserschaftsresonanz, die bei den Titeln ankommt oder auf Social Media sichtbar ist. So seien bei „stern Crime“ mehr als 80 Prozent der Leser weiblich, bei „ZEIT Verbrechen“ kommt die verlagseigene Marktforschung auf gut 65 Prozent. „Frauen interessieren sich immer mehr für die Psychologie“, sagt dazu die stellvertretende ZEIT-Chefredakteurin und Herausgeberin von „ZEIT Verbrechen“ Sabine Rückert im Gespräch mit dem NDR-Medienmagazin „Zapp“. Ingrid Rose, KLAMBT-Chefredakteurin von GRAZIA und JOLIE, ist dafür das beste Beispiel. Sie outete sich in PRINT&more 2/2020 als „stern Crime“-Fan der ersten Stunde, die jede Zeile, jede Bildunterschrift und jeden Leserbrief im Heft lese: „So skurril es auch klingen mag: 'stern Crime' entspannt mich. Vielleicht, weil es mich in Welten entführt, die meiner beruflichen und privaten Realität glücklicherweise total fremd sind.“

Hoher journalistischer Anspruch

Hinsichtlich des journalistischen Anspruchs macht „stern Crime“-Chefredakteur Giuseppe Di Grazia im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ auf eine wichtige Herausforderung hinsichtlich der Aufbereitung der echten Fälle aufmerksam: Man müsse den Spannungsbogen aus Krimis auf die wahren Fälle übertragen und dabei „zu 100 Prozent akkurat“ sein. Offenbar gelingt dies einer Reihe von Angeboten sehr gut. Nicht zuletzt wurde der Podcast „ZEIT Verbrechen“ 2019 bei den Lead Awards mit Gold ausgezeichnet.

Podcasts ergänzen Magazine

Die Printprodukte werden bei den höherpreisigen Angeboten nämlich auch von eigenen Podcasts flankiert. So startete „ZEIT Verbrechen“ im April 2018 mit der stellvertretenden ZEIT-Chefredakteurin Sabine Rückert und Andreas Sentker, Wissenschaftsressortleiter und geschäftsführender Redakteur bei der ZEIT, mit dem Audioangebot zum Magazin. Mittlerweile erreichen die Folgen laut Eigenangaben rund 700.000 Downloads und sind regelmäßig auf Platz 1 in den Charts. Auch „stern Crime“ und „Echte Verbrechen“ veröffentlichen unter dem Markennamen eigene Podcastangebote. Daneben finden sich auch viele Angebote von professionellen Redaktionen wie die der öffentlich-rechtlichen Hörfunksender oder „Mordlust“ des ARD-ZDF-Jugendkanals „funk“. Insgesamt gibt es vermutlich mindestens genauso viele True-Crime-Audioangebote wie Krimis im Fernsehen.

Eingefleischte Fans mit hohem Involvement

Und es geht noch weiter: In den hauseigenen Magazinshops sind die gedruckten Hefte attraktive Longseller. „Nicht zuletzt, da die neuen Audioformate die gedruckten Medien beflügeln: Wer einen spannenden Fall beim 'ZEIT Verbrechen'-Podcast entdeckt, bestellt danach im ZEIT-Shop gern auch eine ältere Ausgabe des Magazins“, berichtet Malte Riken, stellvertretender Verlagsleiter Magazine beim Zeitverlag, gegenüber editorial.media.

Werbetreibende profitieren von „True Crime“

Auch Live-Events runden die Verlagsangebote ab und begeisterten große Zuschauermengen, bevor die COVID-19-Krise dieser Entwicklung erst einmal einen Dämpfer verpasste. Stattdessen veröffentlicht der Zeitverlag mit der „ZEIT Verbrechen“-Edition nicht das „Buch zum Film“, sondern das „Buch zum Erfolgspodcast“. Und gerade geht neben dem „Fanbuch“ auch ein „ZEIT Verbrechen“-Newsletter des Hauses an den Start. Ein weiterer Beleg für die außerordentlich hohe Bindung an die Medienmarken der Verlage und die intensive und andauernde Beschäftigung mit dem Content, von dem über Anzeigen, Podcastsponsoring und weitere Werbemöglichkeiten auch Werbungtreibende enorm profitieren können.

// von Christiane Dähn, Projektleiterin Büro Bardohn GmbH

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