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DNV – Der Neue Vertrieb, Coronavirus, Zeitschriftenbranche, Zeitschriftenverlage

DNV-Interview mit Stephan Scherzer: „Enormer Stresstest für alle Systeme“

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erschienen in DNV – Der Neue Vertrieb, Juli 2020: VDZ-Geschäftsführer Stephan Scherzer geht hart mit der Politik ins Gericht. In der Krise würden weitere Belastungen für die Verlagsbranche vorangetrieben. Sein Lösungsvorschlag ist ein Belastungs-Moratorium.

DNV – Der Neue Vertrieb, Nr. 4-5/2020, 20.7.2020, S. 34/35

Herr Scherzer, wie stark hat die Corona-Krise die Zeitschriftenverlage in Deutschland getroffen?
Diese bewegten Monate zeigen die Bedeutung einer freien und vielfältigen Zeitschriftenpresse für unsere Gesellschaft: Die Menschen informieren sich über alle persönlichen, beruflichen und politischen Aspekte der Krise, gerade auch aus den gedruckten und digitalen journalistischen Angeboten der Fachmedien, Publikumszeitschriften und konfessionellen Presse.

Das ändert nichts daran, dass die Zeitschriftenverlage vor der bislang größten Herausforderung in ihrer Geschichte stehen. Themen wie steigende Zustellungskosten oder die drohende E-Privacy-Verordnung, Verkürzung der Abolaufzeiten oder Totalregulierung des Telefonmarketings sind auch ohne Corona-Folgen existenzgefährdend. Die Krise hat die Situation massiv verschärft. Die Werbeeinnahmen sind im April, Mai – je nach Sektor – zwischen 20 und bis in der Spitze über 80 Prozent eingebrochen; das trifft ganz besonders die anzeigenfinanzierte Fachpresse in bestimmten Industriebereichen.

Verkaufsstellen an Flughäfen und Bahnhöfen haben teilweise über 50 Prozent der Verkäufe verloren, darunter sind viele Verkaufsstellen mit großem Sortiment, was insbesondere Special-Interest-Titel sehr hart trifft. Im Einzelverkauf waren bis zu 8 Prozent der Verkaufsstellen geschlossen – so langsam kommt wieder Bewegung an den Bahnhöfen, an den Flughäfen sind wir noch weit entfernt davon. Im Einzelhandel ist die Nachfrage nach Zeitschriften annähernd stabil geblieben. Die deutlich gestiegene Nachfrage nach digitalen Angeboten – wir sehen einen großen Anstieg bei Digitalabos – kann die Rückgänge allerdings nicht auffangen.

Umso wichtiger ist es, dass der Staat die für alle Verlage maßgeblichen Rahmenbedingungen so ausgestaltet, dass die gesamte Presse, Zeitschriften und Zeitungen, weiterhin unabhängig publiziert und auskömmlich finanziert werden können.
 

Inwieweit gefährden diese Entwicklungen einzelne Unternehmen und die Branche als Ganzes?
Trotz der massiven, teilweise existenzbedrohlichen Umsatzrückgänge wollen die Zeitschriftenverleger die Krise unternehmerisch und ohne staatliche Zuschüsse bewältigen. 2020 ist ein ausgesprochenes Krisenjahr, aber auch mit großen Chancen. Die große Nachfrage der Bürger nach den Produkten der Verlage motiviert die Verlage und ihre Mitarbeiter gerade jetzt, bestmögliche Produkte auf allen Kanälen zu publizieren.

Die Politik muss dieses Momentum stützen, wenn ihr an einer vielfältigen und unabhängigen Presse wirklich gelegen ist. Wenn die Bundesregierung derzeit überlegt, wie die vom Bundestag für 2020 bewilligten 40 Millionen Euro der Infrastrukturförderung ausgegeben werden sollen, müssen die Weichen jetzt ordnungspolitisch richtig gestellt werden [Anm. d. Red.: Die Antworten sind vom 22. Juni 2020]. Die private Zustellung muss unabhängig davon gefördert werden, ob Zeitungen oder Zeitschriften zugestellt werden. Darüber hinaus ist gerade für Zeitschriften eine faire und marktgerechte Preisgestaltung der Postzustellung überlebenswichtig – mehr als eine Erhöhung im Rahmen der Inflationsrate ist nicht verkraftbar. Wir brauchen den nachdrücklichen Beistand des Staates bei strukturellen Existenzfragen zur Sicherung fairer und dauerhaft finanzierbarer Marktbedingungen.
 

Welche Entwicklungen werden das zweite Halbjahr prägen?
Der Wunsch der Menschen nach fundierten, journalistischen Informationen in allen Segmenten ist in der Krise deutlich gewachsen. Gegen „Fake News“ helfen vor allem mehr „Unfaked News“ – journalistische Angebote, die die Leser bei ihren Bedürfnissen abholen, sei es beruflich oder im Privatleben.

Um eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft unserer weltweit einzigartigen Zeitschriftenbranche für die nächsten Jahre zu gewährleisten, mahnt der VDZ ein Belastungs-Moratorium an. Es kann nicht sein, dass die Bundesregierung und das Parlament in dieser Krise weitere Belastungen für das digitale oder klassische Verlagsgeschäft unterstützen oder gar vorantreiben. Es gilt, die fatale E-Privacy-Verordnung zu entschärfen, die sowohl die digitale Werbung der Verlagswebsites als auch die Werbung digitaler Abonnenten, die von größter Bedeutung für die gesamte Presse sind, massiv bedroht. Die E-Privacy-Verordnung bedroht das Telefondirektmarketing, das für den Erhalt des Abo-Stamms von Zeitschriften und Zeitungen von herausragender Bedeutung ist. Beidem muss die Bundesregierung in ihrer EU-Ratspräsidentschaft jetzt entschieden und wirksam entgegentreten.

Auch ein kurzfristig geplantes, nationales Datenschutzgesetz darf keinesfalls die digitalen Verlagsangebote beeinträchtigen. Der Vorschlag für ein gesetzliches Verbot längerer Abolaufzeiten muss dringend vom Tisch. Die bestehenden Möglichkeiten der Gestaltung von Abonnementlaufzeiten sind vielfaltsfördernd. Ebenso wenig darf das Telefonmarketing noch weiter beschränkt werden. Es ist ein unverzichtbarer Vertriebsweg für Zeitschriften und Zeitungen. Diese Krise ist ein enormer Stresstest für alle Systeme. Sie wird unsere vielfältige Zeitschriftenlandschaft deutlich zum Schlechteren verändern, wenn die Politik die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht fair gestaltet. Die Instrumente und gesetzgeberischen Mittel dafür sind vorhanden.

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