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Deutsche Fachpresse, Thiemann, Fachmedien

Begrüßungsrede von VDZ-Präsident Dr. Rudolf Thiemann beim Fachpressekongress

Nachrichten Fachmedien Medienpolitik

- Es gilt das gesprochene Wort. - 

Dr. Rudolf Thiemann spricht beim Fachpressekongress über Fachmedien, Medienpolitik und Pressefreiheit. (Foto: Monique Wüstenhagen)

Lieber Stefan Rühling,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Herzlichen Dank, lieber Stefan, für die Einladung zum Kongress der Deutschen Fachpresse – ich gebe zu, ich bin zum ersten Mal dabei – unter dem Motto Leidenschaft für B2B – immer einen Schritt voraus.

Das ist ein selbstbewusstes Motto, und dieses Selbstbewusstsein zeigt die Fachpresse, zeigen Sie, meine Damen und Herren, zu Recht.

Wir haben gerade von Stefan Rühling beeindruckende Leistungsdaten ihrer Gattung gehört. Über 350 Fachmedienhäuser liefern den Informations-Rohstoff einer modernen, technologiegetriebenen Gesellschaft. Ich habe an anderer Stelle einmal gesagt, dass Deutschland der dichteste Zeitschriftenmarkt der Welt ist, und jedes Hobby, jeder Sport, jede Technik, jedes Thema, sei es unterhaltend oder fachbezogen oder beides, eine Spiegelung findet in einer Medienmarke. Daran haben gerade die Fachverleger einen bedeutenden Anteil. Sie nämlich sind die meisten unserer gesamten Branche. Sie sind die Vielfalt schlechthin.

Beeindruckende Daten liefert auch die B2B Entscheideranalyse 2017 zum Informationsverhalten und zur Mediennutzung Professioneller Entscheider.

Sie alle kennen die Aussagen dieser Untersuchung zu bspw. Lesedauer, Impulsfunktion und Glaubwürdigkeit. Diese Untersuchung zeigt, wie tief die Fachmedien in der Interessen- und Lebenswelt ihrer jeweiligen Nutzer verankert sind. Dass dies auf allen Plattformen geschieht, bedarf heute keiner besonderen Erwähnung mehr.

Medienpolitik

Lassen Sie mich ein paar Ausführungen zur Medienpolitik machen. Sie kennen diese Themen ja alle. Datenschutzgrundverordnung, E-Privacy Richtlinie, Regulierung des Telefonmarketings, Werbeverbote und was sonst noch aus der Brüsseler Finsternis auf uns zukommt. Dort sitzen Politiker und sogenannte Experten zum Schutze der Verbraucher und denken sich immer wieder Neues aus, was uns das Leben schwermacht, ja teilweise existenzgefährdend ist. Die viel zitierte VDZ-Studie zum Entwurf der E-Privacy Richtlinie sieht 30 Prozent der Werbeeinnahmen aus journalistischen Internetangeboten bedroht. Infolgedessen werden Facebook und Google noch mehr Werbung auf sich ziehen. Es ist ja nicht nur Papierkram und der damit verbundene Aufwand, sich verordnungsgerecht zu verhalten. Während wir uns für alles eine schriftliche, doppelt gestrickte, nochmals versicherte Zustimmung besorgen müssen, sorgt die Einwilligung bei Log-In-Systemen für einen reibungslosen Nutzungsverlauf.

Datenschutz, verstanden als Verbraucherschutz sorgt heute mehr und mehr dafür, dass der Wettbewerb ausgehebelt wird. Facebook wird mit der Datenschutzgrundverordnung, deren verpflichtende Anwendung jetzt unmittelbar vor der Tür steht, leichter fertig als kleine Häuser unserer Branche. Deshalb begrüßen wir die jüngsten Äußerungen der Kanzlerin zur DSGVO, in denen sie eine Entschärfung der Anwendung in Aussicht stellt.

Datenschutz, wie er Anfang der 80er Jahre vom Bundesverfassungsgericht eingefordert wurde (Recht auf informationelle Selbstbestimmung) kommt einem irgendwie aus der Zeit gefallen vor. Der Umgang mit persönlichen Daten ist in Zeiten des Internets ein anderer geworden. Den meisten ist es entweder nicht klar oder völlig egal, was andere wissen. Daten sind eine Währung geworden. Die Monetarisierung von Daten hat eine atemberaubende Dimension erreicht. Umso unverständlicher ist eine Entscheidung des Berliner Landgerichts aus dem Januar dieses Jahres, das Facebook den Werbeslogan „Facebook ist kostenlos“ erlaubt. Es hat zwar eingeräumt, dass die Nutzer mit ihren Daten zahlen, Daten aber seien ja immateriell.

Was droht uns noch aus Brüssel? Politiker fast aller Parteien verfolgen das Ziel, den telefonischen Vertragsschluss weiter zu erschweren. Wir sind der Meinung: Das Telefonmarketing ist ausreguliert. Untersuchungen zeigen, dass 30 Prozent aller Vollzahlerabonnements jährlich erneuert werden, und zwar durch Telefonmarketing. Wir Verlage sind darauf angewiesen und müssen weitere Restriktionen bei diesem Thema entschieden bekämpfen.

Vor fünf Jahren, meine sehr verehrten Damen und Herren, wurde im deutschen Recht das Leistungsschutzrecht etabliert. Hubert Burda an der Spitze des VDZ hat lange dafür gekämpft. Nun haben wir vernommen, dass die neue Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, das Leistungsschutzrecht ablehnt. Das kann uns wirklich nicht passen in einer Phase, in der wir uns in Brüssel für die Etablierung eines „Verlegerrechts“ einsetzen, so wie es Musik- und Softwareproduzenten auch schon besitzen. Was für ein merkwürdiges Verhältnis hat die Staatsministerin zum Eigentum, zur Wertschöpfung und Kreativität?

Leistungsschutzrecht sowie ein Verlegerrecht im europäischen Rechtsrahmen besagen nichts anderes als, dass derjenige, der eine verlegerische Leistung erbringt, einen Anspruch darauf hat, dass Dritte diese Leistung respektieren und nicht einfach stehlen. Wir müssen der Trittbrettfahrerei im Netz ein Ende setzen. Genau dazu dient ein solches Recht.

Pressefreiheit

Die Pressefreiheit zu verteidigen, gehört zu unseren vornehmsten, aber auch wichtigsten Aufgaben.  Meinungs- und Pressefreiheit sind in Art. 5 des Grundgesetzes geregelt. Dort heißt es auch: Eine Zensur findet nicht statt.

Über Grenzen dieser Freiheiten entscheiden Gerichte. So war es jedenfalls bisher. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz macht Facebook, das den größten Kommentarraum der Welt darstellt, gleichzeitig auch zum Zensor.

Hier gerät etwas in eine Schieflage.

Noch problematischer ist eine Initiative der EU-Kommission, legale Informationen bewerten – mit anderen Worten – qualifizieren zu wollen. Jede Form von Bewertung, Indexierung oder Indizierung mündet in Zensur. Dem müssen wir uns entgegenstellen.

Ich weiß, dass die Fachpresse hier mit allen Kolleginnen und Kollegen im Verlegerverband an einem Strang zieht.  Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen. Pressefreiheit ist unteilbar. Es gibt keine Medien erster und zweiter Klasse. Wir brauchen keinen Schiedsrichter.

Deshalb wäre es auch ein Fehler zu glauben, dass Fachpresse mit dem Thema nichts zu tun hat. Freiheit und Vielfalt der Presse sind bedroht, wenn wirtschaftliche Rahmenbedingungen nicht stimmen. Wenn aber darüber hinaus das politisches Klima sich ändert in Richtung Bevormundung und Gängelung, dann sind sehr schnell auch Forschung und Wissenstransfer betroffen.

Vor diesem Hintergrund finde ich es großartig, dass Sie Christian Mihr eingeladen haben, den Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, und ihm Raum geben für einen Zwischenruf zur Freiheit der Presse.

Stefan Rühling als Sprecher der Fachpresse hat schon lange das Thema Pressefreiheit auf die Agenda gesetzt und den Zusammenhang zwischen Korruptionsindex von Transparency International und der Weltkarte der Pressefreiheit transportiert.

Interessenvertretung

Über 500 Mitgliedsverlage, die meisten davon Fachmedien-Häuser, viele kleine mittelständische Unternehmen, von denen sich zahlreiche mehr als 100 Jahre im Wettbewerb behauptet haben, erwarten von ihrem Verband, dass er sie qualifiziert berät, sie durch die Veränderungen der Zeitläufe begleitet und für ihre Interessen kämpft. Das haben wir in der Vergangenheit getan und wollen das auch in Zukunft leisten. In Berlin und Brüssel. 

Stefan Rühling

Einer von denen, die für all das einstehen, ist Stefan Rühling, der morgen nicht mehr zur Wahl für die Fachpresse antritt. Deswegen erlaube ich mir als Kollege und Freund ein paar Worte des Abschieds zu sagen.

Was wir hier sehen, einen modernen Fachpressekongress, eine selbstbewusste Branche, all das hast Du, lieber Stefan ganz entschieden vorangetrieben. Du hast das Fachpresse-Feeling gestärkt und diese Gattung in der VDZ-Welt kraftvoll vertreten, immer loyal, immer kollegial, immer höchst kompetent, immer auch höchst sympathisch. Dafür danke ich Dir persönlich, aber auch im Namen aller Präsidiumsmitglieder und des gesamten VDZ.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen einen leidenschaftlichen Kongress. //

- Es gilt das gesprochene Wort. - 

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