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VDZ, Thiemann, Pressefreiheit, Vielfalt

„Artikel 5 gilt auch für Buntes“

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Der neue Präsident Rudolf Thiemann möchte keine journalistische Zweiklassengesellschaft | erschienen in HORIZONT 45/2017

Nach seiner Wahl macht Rudolf Thiemann klar, dass er sich nicht nur als Übergangspräsident sieht, auch wenn er jetzt die Amts-Restlaufzeit von Stephan Holthoff-Pförtner übernimmt. Schon im Sommer 2018 will Thiemann wieder antreten, dann für eine volle Amtszeit bis Ende 2021. „Bis dahin möchte ich gezeigt haben, dass ich dieses Vertrauen verdiene“, sagt er im HORIZONT-Interview.

HORIZONT | Herr Thiemann, Glückwunsch zur Wahl! Die war nötig, weil Ihr Vorgänger nach nur acht Monaten hingeschmissen hat, um in die Politik zu gehen. Und das, nachdem die wichtigen Mitglieder G+J, Spiegel und Zeit seine Berufung als Anlass genommen hatten, aus dem Fachverband auszutreten. Haben Sie sich als Retter in der Not breitschlagen lassen?

Dr. Rudolf Thiemann | Ich habe mich nicht breitschlagen lassen, sondern ich bin gefragt worden – und ich habe sehr gerne zugestimmt. Das ist eine neue spannende Herausforderung für mich. Und ja, es ist kein Geheimnis, dass rund um das Präsidentenamt zuletzt einige Dinge unerwartet verlaufen sind. Aber der VDZ braucht gewiss keine „Rettung“, und er war auch in den vergangenen Wochen nicht kopflos. Er funktioniert bestens, eine gewisse Zeit auch ohne Präsident – dank der Landesverbände, die den VDZ tragen, dank der Fachverbände, dank der schlagkräftigen Organisation in Berlin und dank des Präsidiums, dem auch ich seit 20 Jahren angehöre.

Ihr eigener Verlag sieht Digitalpublizistik kaum als Geschäftsmodell; Anzeigenumsätze und Einzelverkauf spielen eine untergeordnete Rolle. Bei vielen VDZ-Verlagen sind das jedoch brennende Themen. Sollte ein Verbandspräsident da nicht etwas näher dran sein?

Auch wir beschäftigen uns immer wieder mit diesen Fragen, nur haben wir in manchen Fällen eigene Aktivitäten verworfen. Auch das ist ja eine unternehmerische Entscheidung. Ich verstehe diese Themen also sehr wohl auch als Verleger. Auch wir waren viele Jahre mit diversen Titeln im Handel. Hinzu kommt, dass ich als VDZ-Vizepräsident seit 20 Jahren sehe und höre, was die anderen Häuser umtreibt, was funktioniert und was nicht. Und niemand kann sich mit allen Fachdetails auskennen. Dafür gibt es ja den Verband – als Organisation des geballten Wissens.

Die kleinen Verlage stellen die Mehrzahl der VDZ-Mitglieder und fühlen sich von den großen Häusern oft aus dem Rampenlicht verdrängt. Sind Sie der Präsident der Mittelständler?

Ich spüre Akzeptanz von allen Seiten. Das zeigt mir, dass nicht eine Verlagsgattung oder -größe zur Wahl stand, sondern eine Person – ich. Natürlich ist die Zustimmung bei kleineren Verlagen besonders groß. Doch das mindert ja nicht das Vertrauen der großen Häuser.

Und die Akzeptanz in der Politik? Hängt die nicht von Größe, Reichweite und Glamour ab?

Entscheidend sind das Gewicht des VDZ, das Auftreten seiner Köpfe sowie die Güte ihrer Argumente – und nicht so sehr der Umsatz ihrer Titel. Viele Fragen betreffen ja jeden Verlag gleichermaßen. Wir alle ringen darum, Publizistik auch in Zukunft finanzieren zu können.

Was möchten Sie sein: Ein Präsident fürs Innere, der Ruhe in den VDZ bringt oder Erneuerung? Oder einer fürs Äußere, als Lobbyist oder als Vordenker?

Das würde ich gar nicht so trennen. Sicher habe ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher nach innen gewirkt. Jetzt kommen mehr externe Auftritte hinzu – und ich habe keine Angst vor einer Bühne. Doch die wichtigste Rolle bei der Außendarstellung der Branche spielen die Chefredakteure, Vorstände und Geschäftsführer der Häuser selber.

Was steht ganz oben auf Ihrer außenpolitischen Agenda?

Die Auseinandersetzung mit den großen Digitalplattformen ist auch gesellschaftspolitisch ganz entscheidend. Wenn Menschen sich in den großen Plattformen freiwillig mit allen ihren Daten öffnen, ist es widersinnig, einen Verbraucherschutz einzurichten, der Verlagen die Gewinnung von und den Umgang mit solchen Daten unnötig erschwert oder sogar verbietet. Wir kritisieren massiv die E-Privacy-Verordnung, deren aktuelle Fassung die werbefinanzierte freie Digitalpresse gefährdet. Ähnlich wie die Einschränkungen im Telefonmarketing, mit dem wir Verlage derzeit jährlich ein Drittel aller bestehenden Abos auffrischen. Ich sehe es als Verbandsaufgabe, bei allen Regulierungsplänen in Brüssel und Berlin die Finanzierung redaktioneller Medien und Marken zu sichern. Des geschriebenen Wortes, ob gedruckt oder digital. Das Thema Fake News ist schließlich nicht durch die Verlage aufgekommen.

Auch Sie argumentieren mit der Sicherung demokratischer Meinungsvielfalt. Für Zeitungen sowie Titel wie Spiegel und Zeit, die den VDZ-Fachverband verlassen haben, mag das ja gelten Doch hängen Sie mit dem Argument Abendlandschutz die Mehrzahl der Magazine – Programmies, bunte Blätter, Special-Interest-Hobbyhefte und Fachtitel – nicht etwas hoch?

Naja, das Gros der Zeitungen sind regionale und lokale Titel, bei denen Unterhaltung und Stadtleben eine große Rolle spielen. Andererseits sind Special-Interest- und Fachtitel in ihren Gebieten sehr viel politischer und investigativer geworden. Aber ich will Ihre Frage grundsätzlicher beantworten: Wir dürfen das Ziel der Pressevielfalt nicht auf die Themen Politik, Wirtschaft und Hochkultur verengen. Auch Unterhaltung gehört dazu.

Auch Klatsch- oder Erotiktitel, die so ganz anders sind als Ihr Liboriusblatt?

Yellows nehmen mit ihren Fragezeichen in vielen Headlines gewissermaßen die Phantasie ihrer Leser vorweg. Auch das gehört in unserer freien Gesellschaft dazu. Hier darf es keine journalistische Zweiklassengesellschaft geben, denn Artikel 5 des Grundgesetzes gilt auch für buntes Entertainment. Viele Beschränkungen der Meinungsfreiheit in der Geschichte und in anderen Ländern – leider auch heute noch – beginnen bei unerwünschten Glaubensrichtungen, bei Forschung, Wissensvermittlung und eben auch bei Unterhaltung, zum Beispiel mit dem Verbot, nackte Haut zu zeigen oder bestimmte Lebensweisen zu beschreiben.

Und die Religion in der Verlagsmission?

Das Christentum hat unsere Gesellschaft geprägt, die Väter des Grundgesetzes waren alle tief verwurzelt im Glauben. In dem Prozess der Säkularisierung hat sich das Christentum dann immer mehr zurückgenommen und zugleich die Religions-, Meinungs- und Pressefreiheit hochgehalten. Hierbei sollten wir uns auf der spirituellen Ebene jedoch keine offene Flanke leisten. Der Primat des Staates und der säkularen Rechtsordnung sowie der Freiheitsrechte sollte jedenfalls von allen Religionen anerkannt werden.

Was halten Sie vom Vorschlag der G+J-Chefin Julia Jäkel, die Wirtschaft solle sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen und Werbung bevorzugt in Pressemedien schalten?

Diese Diskussion ist richtig und wichtig. Doch wir sollten sie realistisch führen: Kein Unternehmen schaltet Anzeigen bloß aus gutem Willen. Es geht um die Werbewirkung von Umfeldern redaktionell erstellter Text- und Bildinhalte sowie journalistischer Marken. Es ist auch die Aufgabe des VDZ, Editorial Media und ihre Relevanz zu stärken. Und relevant ist nicht nur politisch-informierender und kritischer Journalismus, sondern auch jener, der die gesamte Gesellschaft mit ihren Sorgen, Fragen, Freuden und Lebensgefühlen widerspiegelt.

„Tradition und Fortschritt“ heißt eine Broschüre Ihres Verlages. Und der VDZ? Wie viel Tradition kann der sich in Zeiten der Disruption leisten?

Reißt die viel zitierte Disruption wirklich alles ein? Editorial Media und eben auch Print bilden nach wie vor das Kerngeschäft der Verlage. Und ich sehe nicht, dass sich das ändert. Im Verband bilden wir dies alles seit langem auf allen Ebenen ab: die Verankerung in Print und die digitale Transformation, die Print ergänzt und weiterführt – aber nicht ersetzt.

Könnte eine Fusion mit dem BDZV Schlagkraft und Synergien steigern?

Auch darüber haben wir in den Landesverbänden diskutiert. Wir sehen dafür aber keine Basis, viele Themen sind doch zu unterschiedlich. Dort, wo wir die gleichen Anliegen teilen, etwa in der Medienpolitik, arbeiten wir bereits gut zusammen. Und die Schlagkraft ist größer, wenn wir Verlage unsere Stimme doppelt erheben und bei der Politik mehrfach vorsprechen.

Sie hatten einen Mitbewerber: Peter Böhling wollte sich mehr ums Magazinmachen und weniger ums Management kümmern. Sind das gute Anregungen?

Ich hatte den Kollegen getroffen und schätze ihn als leidenschaftlichen Blattmacher und Geschichtenerzähler. Ich bin aber der Meinung, dass es Aufgabe der Verlage ist, Inhalte zu erschaffen – nicht des Verbands. Und ein VDZ-Präsident sollte nicht erklären, wie das geht.

Stattdessen fahren Sie bald zu G+J und Co, um für deren Rückkehr zu werben?

Ich glaube nicht, dass eine solche Fahrt aktuell eine gute Idee wäre. Die Erkenntnis und der Entschluss, in den VDZ-Fachverband – in ihren Landesverbänden sind G+J, Zeit- und Spiegel Verlag sowie Medweth ja nach wie vor – zurückzukehren, sollten von ihnen selber kommen.

Warum sollten die sich umbesinnen?

Ihren Schritt hatten sie mit mangelnder Transparenz beim Berufungsverfahren meines Vorgängers begründet. Dies ist ja nun Vergangenheit. Ich denke zudem, dass den Kollegen in den vier Häusern der Austausch und die Kontakte fehlen, etwa in unseren Fachausschüssen. Umgekehrt fehlen uns die Kollegen ja auch! Und vielleicht passen ja hier zwei Ideen, über die wir oben in anderem Kontext gesprochen haben: Verantwortung und Solidarität.

Das Interview führte Roland Pimpl.

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