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PRINT&more, Pressefreiheit, Düzen Tekkal

"Pressefreiheit ist ein zartes Band"

Nachrichten Erstellt von Rainer Schubert, freier Journalist und u. a. Chefredakteur von BUSINESS & DIPLOMACY

Die Journalistin Düzen Tekkal spricht im Interview über ihre ganz persönliche Motivation, sich für Pressefreiheit einzusetzen

Artikel in PRINT&more 4/2016

Düzen Tekkal (© Markus Tedeskino)

Düzen Tekkal (l.) mit Amal Clooney (r.)

PRINT&more | Frau Tekkal, was treibt Sie bei Ihrer Arbeit an?

DÜZEN TEKKAL | Der wichtigste Wert meines persönlichen Lebens ist die Freiheit. Diese Freiheit musste ich mir von Geburt an hart erkämpfen, denn als Frau in einer migrantisch – jesidischen Familie bin ich zunächst einmal ein bisschen in Unfreiheit geboren. Das führt dazu, etwas verändern zu wollen und die gläserne Decke, die wir in unserer Gesellschaft haben, zu durchbrechen.

Woher nehmen Sie Ihren Mut dazu?


Ich gehe mit Niederlagen anders um. Als Jesidin und Kurdin, als Minderheit in der Minderheit, bin ich mit dieser Resilienz ausgestattet. Rückschläge habe ich nie persönlich genommen. Sie waren für mich immer ein Anlass zu sagen: jetzt erst recht. Mit einer Opfermentalität macht man es sich zu einfach. Man muss für alles, was man erreicht hat, seine Hausaufgaben gemacht haben und darf beim ersten Rückschlag nicht aufgeben, sondern muss zäh sein und einfach weitermachen.

Kann die Sensibilität für Werte besser aus einem Mangel heraus entstehen?


Dass ich zur Verteidigerin von Menschenrechten und Religionsfreiheit geworden bin, hat natürlich damit zu tun, dass meine Religion ausgelöscht werden sollte. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir in Europa und ganz speziell in Deutschland feststellen, dass wir um unsere Werte kämpfen müssen, die für uns viel zu lange viel zu selbst verständlich waren. Die Themen Demokratie und Pressefreiheit sind ein ganz dünner Lack und ein ganz zartes Band. Das stellen wir jetzt fest, da Hassprediger eine Rolle spielen, der Rechtsradikalismus und der religiöse Extremismus so zunehmen, dass wir als Mitte der Gesellschaft fast unterlassene Hilfeleistung betreiben, wenn wir so weitermachen.

Was können wir tun, um Freiheiten nicht für selbstverständlich zu nehmen?


Wir müssen sie verteidigen und die Werte unseres Grundgesetzes als Grundlage nehmen, das deswegen so wunderbar ist, weil es für alle Menschen gilt. Es müssen kontroverse Meinungen veröffentlicht werden. Darum geht es mir auch in unserer Gesellschaft, deren Werte wir so sehr verteidigen, dass wir Einreiseverbote in Kauf nehmen. Es hat anderthalb Jahre gebraucht, bis ein deutscher Fernsehsender meinen Dokumentarfilm "Hawar – Meine Reise in den Genozid" gesendet hat. Er kam nicht in die Kinos aus Angst vor Anschlägen. Wir haben den Vertrieb selber gemacht. Es brauchte Mut und Unterstützer dafür.

Wo ist die Pressefreiheit konkret bedroht?


Die Pressefreiheit ist in dem Moment bedroht, wenn Journalisten auf Missstände hinweisen wollen und dabei eingeschränkt werden, wenn das Gefühl der Angst und Einflussnahme so weit reicht, dass man sich selber dabei erwischt, sich vor gewissen Themen zurückzuhalten. Dann hat für mich die Unterdrückung der Pressefreiheit begonnen.

Kann man das in Deutschland beobachten?

Ich habe es inzwischen mehrfach erlebt, dass ich bei bestimmten Themen Drohungen und Einschüchterungsversuche erhalten habe. Die Pressefreiheit ist auch bedroht, wenn man gewisse Länder nicht mehr bereisen kann, weil man dort Missstände aufgedeckt hat. Ich denke an das Beispiel Kobane: Man rät mir, diese Region nicht zu bereisen, weil man meine Sicherheit nicht gewährleisten kann. Sie ist dann bedroht, wenn ich auf offener Straße beschimpft werde, wenn ich Todesdrohungen im Internet erhalte. Wir Journalisten mit Zuwanderungsgeschichte haben es noch schwerer, weil wir als Nestbeschmutzer gelten und auf die Herkunft reduziert werden. Man muss gegen viele Vorurteile ankämpfen, deswegen ist Journalismus für mich kein Beruf, sondern Berufung.

Wird die Pressefreiheit auch von Institutionen des Staates und der Wirtschaft bedroht?


Es gibt wirtschaftliche und politische Interessen, bei denen ein Auge zugedrückt und es mit der Pressefreiheit nicht so genau genommen wird, wie z. B. dass Saudi-Arabien ein wichtiger Wirtschaftspartner ist. Wenn wir türkische Außenpolitik durch DITIB zulassen, haben wir uns aufgegeben. Es geht darum, dass wir die Regeln in unserem Land bestimmen.

Ist es nicht auch ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit, wenn man unliebsame Meinungen im TV nicht zu Wort kommen lässt?

Ich finde es wichtig, die Menschen zu Wort kommen lassen. Denn nur so können wir sie ad absurdum führen. Wir bestärken sie sonst in ihrer Opfermentalität und mit ihrem "Lügenpresse"-Argument. Es gehört dazu, Meinungsfreiheit auszuhalten im Sinne Voltaires.

Was ist am Schlagwort "Mainstream-Presse" dran?

Das ist etwas, worüber wir nachdenken müssen, über das Moralisierende, über das, was Recht und Unrecht ist. Es ist immer wichtig, sich zu hinterfragen. Als Journalistin will ich die Welt ein bisschen besser machen. Dazu gehört, Missstände aufzudecken. Ich habe viel Respekt vor Journalisten, die dafür ihr Leben aufs Spiel setzen.

Kann man als Journalist in Deutschland ohne Absicherung frei arbeiten?

Das ist eine tägliche Herausforderung. Natürlich gibt es Angebote, die finanziell passen, die ich aus moralischer Sicht aber absagen muss – und stolz darauf bin. Unsere Themen sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich bekomme Anfragen aus Unternehmer- und Wirtschaftsverbänden zur Frage der Integration als Wirtschaftsfaktor.

Wie hilfreich sind Verleger, wenn es um den Gegensatz zwischen wirtschaftlichen Interessen und den von Ihnen genannten Werten geht?


Alle guten Ideen müssen finanziert werden, auch das heißt an jemanden glauben. Mit der Sicherheit eines Verlegers ließe sich die Arbeit leichter machen. Es braucht Menschen, die das, was man tut, erkennen, belohnen und mitgehen und dies für uns tun, aber auch – und das ist entscheidend – für sich. Daraus schöpfen wir Motivation. Alleine schafft man's nicht. Man darf aber nicht aufgeben.

Das Interview führte Rainer Schubert.

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