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Podcasts – der Trend zum Hören

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Andreas Heimann, dpa, im Gespräch mit Stephan Scherzer | erschienen bei dpa am 13. September 2017: Nachrichten, Sex, Karriere – „Zeit Online“ startet drei Podcasts zu ganz unterschiedlichen Themen. Und dabei soll es nicht bleiben. Andere finden den Trend zum Hören genauso interessant. Alexa lässt grüßen.

© iStock/Rawpixel

„Zeit Online“ steigt in die Podcast-Ära ein. Zum Anfang sind es drei, es sollen aber noch einige mehr werden, wie Chefredakteur Jochen Wegner ankündigte. Seit Dienstag lässt sich eine tägliche Nachrichtensendung als Podcast abrufen. Wöchentlich ist ein weiterer geplant, bei dem die Sexualtherapeutin Melanie Büttner Fragen rund um Sex beantwortet. Im Rhythmus von zwei Wochen soll es einen Podcast geben, in dem Prominente aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Fragen zu ihrem Verhältnis zum Beruf beantworten. Ganz neu ist die Idee nicht - Audio ist längst mehr als Hörfunk. Und Podcasts gibt es inzwischen auch in Deutschland bei vielen Medien, nicht nur bei Radiosendern.

„Podcasts sind ein zukunftsfähiges Format für die journalistischen Inhalte von Zeitschriften und Zeitungen, die damit ihre Leser-Community auf einem weiteren, relevanten Kanal erreichen“, sagt Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer beim Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Smartphones seien inzwischen zum Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation und Information geworden. „Neben ‚Coffee to Go‘ sind eben auch „News oder Special Interest Themen to listen“ geeignet, um mit Lesern im Kontakt zu bleiben.“

Seit rund einem halben Jahr gibt es auch „Spiegel Online“-Podcasts: Anfang März ist dort „Stimmenfang“ gestartet mit Informationen zum Wahljahr 2017. Er sei von den bisherigen Podcasts der erfolgreichste, sagt Matthias Streitz, Mitglied der Chefredaktion und dort für den Bereich Produkt und Entwicklung verantwortlich.

„Spiegel Online“ hatte schon lange vorher mit der Möglichkeit experimentiert, den Lesern auch etwas zum Hören anzubieten: „2006 hatten wir schon mal einen Podcast“, sagt Streitz, „aber dann war elf Jahre Pause.“ Für den neuen Anlauf habe man sich von den USA inspirieren lassen. Dort sei der Podcast-Bereich keine Nische mehr sondern Mainstream, spätestens seit „Serial“, erzählt Streitz. „Wir fanden das sehr spannend, weil uns Audio ganz neue Möglichkeiten bietet, unsere Geschichten zu erzählen.“ Der Podcast über den Mord an einer Schülerin war in den USA 2014 überraschend erfolgreich.

Thematisch könne man sich für die Zukunft vieles vorstellen, sagt Streitz. Podcasts seien grundsätzlich in allen Ressorts vorstellbar. Bei „Spiegel Online“ ist vor rund acht Wochen der Tech-Podcast „Netzteil“ gestartet - die letzte Folge drehte sich um das Auto der Zukunft.  

Auch Jochen Wegner hat einiges vor: „Es kommt noch eine Reihe von Formaten.“ Möglich seien zum Beispiel sehr ausführliche Interviews als Podcast, sagt der „Zeit Online“-Chef. „Wir überlegen auch eine Kriminalserie zu starten, nach dem großen „Serial“-Vorbild, das gleichzeitig im Print erscheint und als Podcastserie.“

Wegner tut gar nicht erst so, als sei er Podcast-Pionier: „Wir sind fast die letzten, die das beginnen und waren auch lange sehr kritisch“, sagt er. „Es gab schon mehrere solcher Audiowellen, die aber nie so richtig in Deutschland angekommen sind.“

Auch Matthias Streitz sieht für das Thema Podcast noch Potenzial: „Ich glaube, dass dieser Bereich weiter wachsen wird. Bei Video ist der Weg von der alten Welt in die On-demand-Welt relativ weit fortgeschritten. Bei Audio sind wir noch nicht ganz so weit, das wird sich aber sicherlich bald ändern. Und wenn Plattformen wie Spotify, Apple oder Deezer Audio pushen, wird der Markt sicher sehr schnell wachsen.“

Wegner sieht ebenfalls noch Luft nach oben, auch beim eigenen Angebot. Bei drei Podcasts will er nicht aufhören: „Bis zum Jahresende könnten es bis zu einem Dutzend sein.“ Podcasts haben aus seiner Sicht den Vorteil, dass man sie - genau wie Radio - nebenbei hören kann. Und bei Bedarf auch offline auf dem Smartphone. „Zum Beispiel morgens, deswegen starten wir auch vor sechs mit dem Format. Viele von uns hören ja morgens ein Nachrichtenformat, zum Beispiel wenn sie in der U-Bahn zur Arbeit fahren oder beim Zähneputzen.“

Texte zum Lesen seien zwar immer noch effektiver, wenn es um das Aufnehmen von Informationen geht. „Aber das ist bestimmten Nutzungssituationen nicht möglich, wie im Auto“, sagt Wegner. „Ich höre zum Beispiel wahnsinnig gerne beim Radfahren im Fitnessstudio sehr lange Podcasts.“

Genau diesen Vorteil sieht auch Anja Pasquay, Sprecherin des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV): „Wir verbringen alle viel Zeit unterwegs, mit dem Kopfhörer auf.“ Für Verlage liege daher nahe, diese Gelegenheit für journalistische Inhalte zu nutzen. „Das ist für Regionalzeitungen genauso interessant wie für die überregionalen.“

VDZ-Geschäftsführer Scherzer sieht das ähnlich: „Audio Books boomen weltweit. Zusätzlich werden intelligente Systeme wie Alexa, Siri oder Google Voice, mit denen man einfach reden kann, die Welt verändern – die Verlage sehen die großen Chancen, ihre journalistischen Marken auf den modernsten Kanälen zu verankern.“

Aber wie gefragt sind Podcasts jetzt schon? „Wir haben elf bis zwölf Millionen Leser im Monat. In solchen Sphären werden wir uns nicht bewegen“, räumt Jochen Wegner ein. „Ich freue mich schon, wenn wir sechsstellig werden, das wäre ein riesiger Erfolg. Wir haben aber überhaupt keine Zielvorgabe.“

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