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Bilanz des 2. Kongresstages Publishers' Summit: Glaubwürdigkeit, Pressefreiheit, Meinungsvielfalt

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Neuer VDZ-Präsident Dr. Stephan Holthoff-Pförtner hielt Eröffnungsrede | Exklusive Allensbach-Studie zur Glaubwürdigkeit der Medien | Hochkarätige Chefredakteursrunde fokussiert das Verhältnis zum Leser

Chefredakteurs-Runde Publishers' Summit 2016

Mit einem Plädoyer für die Freiheit eröffnete der neue VDZ-Präsident Dr. Stephan Holthoff-Pförtner den zweiten Kongresstag des Publishers' Summit in Berlin. (Den Text der Rede finden Sie hier.) "Die kommenden Zeiten werden ohne Zweifel politisch und gesellschaftlich komplizierter, sie werden uns mehr Mut und mehr Haltung abverlangen." Den Verlegern käme mehr denn je die Aufgabe zu, die Debatte innerhalb der Gesellschaft zu ermöglichen und zu moderieren. Die verlegerischen Werte Pressefreiheit, Vielfalt und Wettbewerb seien dabei untrennbar mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit verbunden: Nur journalistische Produkte, die sich wirtschaftlich selbst tragen, seien wirklich unabhängig.

Publikums-, Fachzeitschriften und konfessionelle Presse vereine der Auftrag, das politische Gemeinwesen zu orientieren, Debatten zu ermöglichen und mit Fakten zu versorgen. Aber genau das, was so selbstverständlich scheint, Fakten als solche zu akzeptieren und anzunehmen, sei in Gefahr. Es sei grundlegend für unsere demokratische Gesellschaft, dass Debatten auf Grundlage von Fakten geführt werden.

Die Kernaussagen der neuen Allensbach-Studie zum Thema "Wirkung, Relevanz, Glaubwürdigkeit" ordnete Prof. Dr. Renate Köcher, Geschäftsführerin Institut für Demoskopie Allensbach, ein. Die Bundesbürger halten Zeitschriften und Zeitungen für deutlich glaubwürdiger als soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. 69 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren würden bei unterschiedlichen Meldungen über ein und dasselbe Ereignis eher Zeitschriften und Zeitungen glauben, acht Prozent würden eher den sozialen Netzwerken vertrauen. Es gebe keine generelle Vertrauenskrise der Medien in Deutschland, allerdings existiere  eine Neigung in weiten Kreisen der Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit der Medien zu hinterfragen. So habe der Wert der Glaubwürdigkeit vor drei Jahren noch bei 85 Prozent gelegen.

Kritisch sehen die Bundesbürger die Qualität der Kommentare im Internet: 43 Prozent der Befragten, die schon häufiger Kommentare im Netz gelesen haben, empfinden diese überwiegend als aggressiv, nur 22 Prozent bewerten sie überwiegend als nüchtern. "Wir haben in Deutschland eine Grauzone, in der Toleranz falsch verstanden wird und eigentlich die Beleidigung schon anfängt", sagte Köcher.

Die Chefredakteursrunde fokussierte aus aktuellem Anlass ebenfalls das Thema "Glaubwürdigkeit der Medien": Tanit Koch (BILD), Christian Krug (stern), Giovanni di Lorenzo (Die ZEIT), Jörg Quoos (FUNKE Zentralredaktion), Robert Schneider (FOCUS) und Dr. Uwe Vorkötter (HORIZONT) diskutierten, wie das Vertrauen der Leser zurückgewonnen werden könnte und wie es gelinge, journalistische Werte zu verteidigen. Die Moderatorin und Journalistin Bettina Cramer führte durch die Runde.

Im Zeitalter atomisierter Meinungen sei es schwierig, Kommunikation über Milieugrenzen hinweg zu gestalten. Den Vorwurf der Lügenpresse wiesen die Chefredakteure zurück: Journalisten recherchieren vor Ort und bilden die Realität ab. Dennoch hätte die Glaubwürdigkeit der Medien in weiten der Bevölkerung gelitten. Dies hinge auch damit zusammen, dass sich Redakteure teilweise zu sehr von der Lebenswirklichkeit ihrer Leser entfernt hätten.  Außerdem werde es problematisch, wenn Journalisten anfingen, die Rolle von Aktivisten einzunehmen. Daraus – auch in der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise – hätten die Journalisten gelernt. Schließlich seien Medien sich selbst regulierende Systeme, die Fehler erkennen und beheben.

Die Medienmacher bemängelten Formen überzogener Kritik im gesellschaftlichen Miteinander, die immer häufiger an die Stelle eines sachlichen Diskurses treten. Der Wahlkampf in den USA zeige, wie eine solche Entwicklung geschürt werde und sich dann verselbständige. Eine mögliche Lösung, um die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen: Journalisten müssen dokumentieren, wie sie arbeiten und wie aufwendig Recherchen sind – das schaffe die notwendige Transparenz. In diesem Zusammenhang postulierten die Teilnehmer, dass eine positive Selbstdarstellung der Medien notwendig sei. Angesichts eines vielfältigen Journalismus in Deutschland und großer Recherche-Erfolge müssen sich die Akteure selbstbewusster vertreten.

Am zweiten Kongresstag folgten weitere Vorträge renommierter Chefs führender Medienhäuser im Rahmen des Formats "My Big Points". Stefan Rühling, Sprecher der Geschäftsführung der Vogel Business Media und des Fachverbandes der Fachpresse, betonte, dass Fachmedien den Akteuren in den Märkten eine tiefe Durchdringung böten, sie sorgen für Vielfalt der Information und für Aufklärung durch Wissen. Als vierte demokratische Säule seien sie  das Bindeglied für Menschen und Institutionen zwischen Wirtschaft und Sozialem – Fachmedien bewegen Werte, helfen bei wichtigen Entscheidungen, sind Wissensmanager, machen Ideen zu Innovationen, öffnen Märkte, organisieren Communities und haben Branchenkompetenz. Dass die Bedeutung des Fachwissensmarktes mit einem Volumen von 28 Milliarden Euro weiter steige, zeige die Studie "Der B2B Medien- und Informationsmarkt in Deutschland".

Manfred Braun
, Geschäftsführer der FUNKE MEDIENGRUPPE fokussierte in seinen Big Points die Fähigkeit der Verbandsmitglieder, auch als Wettbewerber und trotz aller Heterogenität zusammen für die Gattung arbeiten zu können. Durch globale Netzwerkeffekte gebe es vielfältige Formen der Zusammenarbeit bei Anzeigen, Vertrieb und Technik. Verlage sollten sich zu Organisationen entwickeln, die Kreativität direkt in Produkte umwandeln können.

Eine Einordnung der Ereignisse in Deutschland und Europa im letzten Jahrhundert und ihr Bezug zu Aspekten der Kommunikation – dies war Thema in der Keynote "Zeitgeschehen" von Prof. Dr. Herfried Münkler, Inhaber des Lehrstuhls Theorie der Politik an der Humboldt-Universität Berlin. In Zeiten globaler Spannungen komme der journalistischen Darstellung komplexer Zusammenhänge eine Schlüsselfunktion beim Krisenmanagement zu.

VDZ-Hauptgeschäftsführer Stephan Scherzer verabschiedete die über 700 Kongressteilnehmer mit einem Fazit, das die Einheit der Branche betonte: "Wir können einen Ehrenpräsidenten Hubert Burda wählen und uns darüber freuen. Wir haben einen neuen Präsidenten gewählt. Wir können und werden Kritik und Anregungen zur Weiterentwicklung aufnehmen, um gemeinsam an Strukturen und Strategien zu arbeiten. Wir können Themen treiben, die uns alle bewegen. Wir, der VDZ ist durch seine Mitglieder wettbewerbsfähig, streitbar und auch in der Lage gute, bewegende Geschichten zu erzählen, wie die Publishers' Night gezeigt hat." Scherzer lud die Verleger, Journalisten und Vertreter aus Wirtschaft und Politik herzlich ein zu Publishers' Summit und Night am 6. und 7. November 2017 in Berlin.

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