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PRINT&more, Am Kiosk, Interview

Von Pouches und Peepshows

Hilkka Zebothsen liebt das Magazin "Interview" | PRINT&more 1/2016 stellt das Lieblingsmagazin eines Chefredateurs/ einer Chefredakteurin in der Rubrik "Am Kiosk" vor

PRINT&more, Am Kiosk, Interview

Mein Team kennt das schon: Immer montags komme ich zurück ins Büro nach einem Sofasonntag mit einem Stapel Magazinen. Ich verteile ausgerissene Seiten und Schnipsel als Inspiration für Geschichten und Design, Haltungen und Optiken. Print stirbt? Pah!

Eine meiner liebsten Quellen: das "Interview"- Magazin. 1969 von Andy Warhol gegründet, gilt es als Mutter aller heutigen Zeitgeist-, Lifestyle-, Mode-trifft-Kunst-trifft-anderen-heißen- Scheiß-Titel. Als kleine pädagogische Übung gegen die Routine kaufe ich vor Bahnfahrten gerne Magazine, deren Inhalt mich garantiert NICHT interessiert, um mich überraschen zu lassen. So stieß ich als Jeans-und-Pulli-Frau vor ein paar Jahren auf diese Hochglanzausgabe. Und obwohl ich sehr offensichtlich nicht zur Zielgruppe gehöre, flirte ich seitdem immer wieder gerne mit dem "Interview".

Die Rubriken Fame Fashion, Fame Art, Fame Music oder Fame Entertainment lassen ahnen: Hier kommt nur rein, wer berühmt ist. Das journalistische Standardformat "Fragebogen" nutzen wir zwar auch, denn das Prinzip der kalkulierten Geheimnisenthüllung suggeriert persönliche Nähe zum Leser. Aber während bei uns Kommunikatoren erstaunlich oft ihr erstes Gehalt angeblich für Stereoanlagen ausgaben und genau den Job haben, den sie immer schon wollten, outet in "Interview" Model Elisa Sednaoui ihre liebsten Filme, Sünden und Airport-Lounges. #hach?

Als Leserin nerven mich Anzeigen normalerweise oder ich betrachte sie professionell als Geldbringer wie ein seltenes Insekt unter dem Mikroskop. "Interview" besteht zu sagenhaften 70 Prozent aus ebenjenen, und bevor man zum Inhaltsverzeichnis vordringt, ist man schon auf Seite 25 (!). Aber: Viele Anzeigen sehen selbst aus wie kleine Kunstwerke.

Journalisten kennen den magischen Moment, der bei Interviews entsteht, wenn Fassaden fallen, Worthülsen Inhalt bekommen und sich Menschen statt Funktionen gegenübersitzen. Eine der schönsten Ideen in diesem Magazin: Promis interviewen Promis. Es liest sich beinahe intim, wenn Jason Schwartzman extra seinen Urlaub unterbricht, um mit Schauspielkollegin Krysten Ritter über Seriendreharbeiten, Liegestütze und Seetang zu sprechen. Oder Sängerin Sia mit "Girls"-Serienstar Zosia Mamet über jede Menge Mädchenkram plaudert. Ein schöner Kniff auch die Rubrik "Flashback", in der ein altes Interview von Liedermacherin K. D. Lang mit Liza Minnelli noch einmal gedruckt wird. Auch 15 Jahre später liest sich das Gespräch über Ökomode, Frauenfreundschaften und den herben Charme von Las Vegas nicht wie von gestern.

Der Trick: Die beiden Gesprächspartner agieren auf Augenhöhe. Der "Interview"-Fragensteller verliert seine Funktion, weil es hier echte Gespräche zwischen Gleichgesinnten gibt und sie vom Small Talk schnell zu den großen Themen kommen und der Frage: Wie wollen wir leben? Und genau hier schließt sich der Kreis zum Leser.

Vielleicht sollte ich die Idee für den "Pressesprecher" klauen. Und Kommunikator A outet gegenüber Pressesprecher B endlich mal die wahre Höhe seines Budgets, die liebsten Gemeinheiten bei Freigabeprozessen von Zitaten und Kampfstrategien um die Führung.

Das mach ich. Gleich Montag.